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Resonanz: Der Schlüssel zur Welt

Die Antwort auf die Entfremdung der Welt?

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Allerorten spricht man gegenwärtig von Achtsamkeit. Die „Bedachtheit“ ist ins kollektive Gedächtnis der Menschen übergegangen und zu einem Trend geworden. Aber geht mit der Achtsamkeit die uneingeschränkte Heilserwartung einher? Ist Achtsamkeit ein Allheilmittel? Entschleunigung als Rezept gegen Zeitknappheit, Stress und Hektik? Kurzum: Nein!

Eine durchaus interessante Sichtweise lässt sich bei dem Soziologen Hartmut Rosa finden. Der jenaer Professor findet, es geht um mehr – um Resonanz. Diesem Thema hat er zuletzt größte Aufmerksamkeit gewidmet und ein umfassendes Werk mit dem Titel Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung veröffentlicht.

In einem Beitrag zum Thema Mindful Business habe ich sein neues Buch gelesen und ihm eine Theorie entlehnt, die eine mögliche Alternative für die Achtsamkeitsbestrebungen in der Gesellschaft darstellt. Denn Entschleunigung als Lösung einer auf Beschleunigung ausgerichteten Gesellschaft, erscheint nur auf den ersten Blick verlockend.

Moderne Gesellschaften sind laut Rosa dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nur dynamisch zu stabilisieren vermögen: Sie sind fortwährend auf Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung angewiesen, um ihre Struktur bzw. den Status Quo aufrechterhalten zu können. Dieser Steigerungszwang hat Folgen für die Lebensweise, die Lebensorientierung und die Lebenserfahrung eines jeden Einzelnen für sich selbst und seine Umwelt.

Photo by Austin Neill on Unsplash

Sobald man aber – sinnbildlich gesprochen – abrupt aus vollem Lauf heraus im „Hamsterrad“ stehen bleibt, wird es sehr schnell schmerzhaft. Zwar können wir aufhören uns selbst zu bewegen, aber die aktivierten Kräfte enden nicht automatisch, sondern verhalten sich eher gegensätzlich. Und doch dient die Hamsterrad-Analogie als wunderbare Vorlage für diverse Life-Coaches, Buchautoren und Referenten. Mir ist durchaus bewusst, welche Absicht sich dahinter verbirgt, muss aber trotzdem anmerken, dass womöglich zu kurz gedacht ist.

„Niemand möchte langsames Internet oder eine langsame Feuerwehr.“ ~ Hartmut Rosa

Bei Slow-Bewegungen geht es aber weniger um die Langsamkeit an sich, als um die Anverwandlung von Welt. In diesem Zustand versucht der Mensch nicht, die Dinge zu kontrollieren und schnell und effizient zu handhaben. Er lässt sich viel stärker von Begegnungen, von Orten, von Musik, von der Natur inspirieren – die Grundlage eines jeden schöpferischen, kreativen Prozesses und letztlich auch eines gelingenden Lebens.

Insofern kann Rosa mit Resonanz vielleicht nicht die Antwort geben, aber dabei helfen die Welt in ihrer Facettenvielfalt zu begreifen. Erst dann, wenn wir in der Lage sind die Diversität zu erkennen und uns in ihnen wiedererkennen, erfahren wir – wie Rosa es beschreibt – Welt. Vielleicht braucht es dann auch kein Hamsterrad mehr, um die Welt beschreiben zu können.